Debatte vom 7. Juli 2026

Wenn Barrieren Expertinnen hervorbringen:
Frauen mit niedrigem Einkommen und ihre Sicht auf die Mobilitätswende
Lea Keckert stellte die Ergebnisse ihrer Masterarbeit vor. Ihre Folien begann sie mit einer theoretischen Einordnung. In Mobilitätsplanung und Verkehrspolitik sowie auch in Datenerhebungen wird zu wenig auf Gender Rücksicht genommen. Dies führt zu einer einseitigen Verschiebung zu Lasten von Frauen und speziell von marginalisierten Bevölkerungsgruppen. Deshalb wählte Lea als Zielgruppe ihrer Arbeit Frauen mit geringem Einkommen aus verschiedenen Altersschichten.
Die Fragen, welche sie anhand von Interviews beantworten wollte, waren: Wie wirken sich Maßnahmen der Mobilitätswende auf diesen Personenkreis aus, und wie kontrastieren sie zu den Bedürfnissen? Sie wählte hierzu für neun Interviews Personen aus, die das betrachtete Feld an Bedürfnissen und Auswirkungen möglichst breit abdecken. Für die Beurteilung der Auswirkungen wurden 11 Maßnahmen ausgewählt, teils aus konkreten Programmen, teils aus allgemeinen Mobilitäts-Beobachtungen (z. B. Anstieg Fahrradnutzung).
In den Ergebnissen wurde bei der Verkehrsmittelnutzung beobachtet, dass zwar jede der Personen viel zu Fuß geht, sie aber praktisch kein Auto nutzt, allenfalls als Beifahrerin, und dass die Radnutzung eine völlig untergeordnete Rolle spielt. Dies liegt auch teilweise daran, dass die hier betrachteten Frauen besonders häufig keine Erfahrung im Radfahren haben, kein eigenes Rad besitzen und deshalb häufiger im ÖV unterwegs sind.
Am Beispiel von Fußgängerunterführungen wurde gezeigt, dass die Beurteilung oft mehrdeutig ist: Zeitvorteil bei der Nutzung gegenüber der oberirdischen Ampel kontrastiert mit dem Unsicherheitsgefühl bei der Nutzung (Angstraum). Hier setzt auch eine Empfehlung an, konsequent Angsträume zu reduzieren.
Fazit: Mobilitätswende wirkt vorwiegend positiv auf die befragten Frauen, speziell hinsichtlich Fußverkehr und ÖPNV-Nutzung. Finanzielle Unterstützung ist wichtig. In der Erfüllung der Bedürfnisse ist noch viel Luft nach oben.
In der anschließenden Diskussion ging es unter anderem um die Frage, wie die Sichtweise der hier behandelten Personengruppe im Kontext der Verkehrsplanung und -politik stärker berücksichtigt werden könnte. Ein Problem dabei ist, dass diese Gruppe besonders wenig mit den üblichen Beteiligungsformaten abgeholt wird und dadurch auch keine Stimme erhält. Auch in Vereinen, Verbänden, u. ä. sind sie nicht vertreten. Neben fehlenden technischen Hilfsmitteln (Nutzung von Handy, Computer, Apps) gibt es weitere Barrieren wie beispielweise mangelnde Zeit, Mobilität sowie finanzielle Ressourcen.
Angebote können durch diese Frauen dann genutzt werden, wenn sie extrem niederschwellig angelegt sind, wie es beispielsweise das 9-Euro-Ticket war, welches die Mobilitätsarmut der Betroffenen für eine gewisse Zeit tatsächlich minderte.
