Debatte vom 18. Februar 2025

Autoreduzierte Quartiere für eine lebenswerte Stadt
Die Kolumbusstraße im Sommer 2023 – die Realität gewordene Vision einer lebenswerten Stadt oder Schauplatz eines gespaltenen Viertels? So oder ähnlich lauteten die deutschlandweiten Schlagzeilen zur temporären Umgestaltung dieser Straße in München.
Simone Aumann, wissenschaftliche Mitarbeiterin und Doktorandin am Lehrstuhl für Siedlungsstruktur und Verkehrsplanung an der Technischen Universität München, stellte in ihrer Präsentation das transformative Forschungsprojekt aqt vor, das von Oktober 2021 bis Oktober 2024 erforschte und testete, wie Autoverkehr in Städten reduziert, Straßenraum neu verteilt und die Aufenthaltsqualität im öffentlichen Raum verbessert werden kann. Dieses Projekt war eines von 14 Projekten des Münchner Clusters für die Zukunft der Mobilität in Metropolregionen (MCube), gefördert vom Bundesministerium für Bildung und Forschung.
Die Präsentation erläuterte detailliert, in welchen Schritten oder Phasen die aqt-Quartiere – Südliche Au und Walchenseeplatz – umgestaltet wurden, und vor allem, welche Beteiligungen es in diesem Rahmen gab. Weniger Platz für den motorisierten Verkehr und mehr Raum für alternative Mobilität, Aufenthalt, Grün und Gemeinschaft fanden nicht nur Anklang. In der breiteren Öffentlichkeit und vor allem mit den Anwohnenden wurden die vorgenommenen Änderungen diskutiert, beurteilt und bewertet. Das Projekt fand auch ein deutliches, aber leider meist negativ besetztes Echo in den Medien; letztlich führten juristische Schritte zu einem vorzeitigen Abbruch des Projekts. Beteiligung und Forschung waren wesentliche Aspekte des Projekts, mit dem Ziel, Erkenntnisse für Quartiere der Zukunft zu erhalten.
Eine wesentliche Beobachtung: Anwohnende nehmen die Gelegenheit wahr, sich selbst einzubringen: beispielsweise in die Betreuung von Hochbeeten. Auch wenn bei diesen nicht so klar geregelt ist, ob das Gemüse dort Privateigentum oder Gemeinschaftseigentum ist. Bei im öffentlichen Raum geparkten Autos ist das viel eher klar. Die Anwohnenden setzten sich auch teilweise mit konfliktlösenden Aktionen für das Projekt ein. Insgesamt war die Bewertung des Projekts in der Kolumbusstraße in der Unteren Au mehr positiv als negativ, und am Walchenseeplatz eher gleich stark positiv wie negativ. Eine Wiederholung solch eines Projekts in München wurde mehrheitlich befürwortet.
Hierbei ist immer auch zu sehen, dass ein lokal begrenztes Projekt gravierendere Einschnitte darstellt als eine großflächige Umwandlung einer Stadt (vgl. Paris). Das Gerechtigkeitsempfinden der Betroffenen reagiert hier anders. Interessant auch, dass neu hinzugekommener Lärm wie Kinderspielen oft unangenehmer wahrgenommen wird als gewohnter Lärm wie Autogeräusche.
Aus dem Kreis der Debattenteilnehmer*innen kamen auch vergleichbare Beispiele aus anderen Regionen Deutschlands. So stand bei einem ähnlichen Projekt in Nürtingen / Geislingen der Entfall von Parkplätzen im Zentrum der Diskussionen. Aus Köln wurde berichtet, dass auch dort juristische Schritte gegen Fußgängerstraßen eingeleitet wurden.
Das Projekt war trotz Konflikten kein gescheiterter Versuch. Vielfältig konnten Lehren aus dem Prozess und der Beteiligung gezogen werden. Vielen Dank für den anregenden Abend und die guten Gespräche!
