Debatte vom 21. Januar 2026

Warum lag John Lennon mit einem Fahrrad im Bett?
Wenn wir an einer echten Verkehrswende arbeiten wollen und glauben, dass das Fahrrad dabei eine wichtige Rolle spielt, müssen wir verstehen, warum John Lennon und Yoko Ono 1969 mit einem Fahrrad im Bett lagen.
Marco te Brömmelstroet ist Professor für Urbane Mobilitätszukünfte an der Universität Amsterdam. Er untersucht, wie Weltanschauungen und Narrative in unserem aktuellen Mobilitätssystem verfestigt werden. Der Schwerpunkt bei unserer Debatte war die Verwendung und Bedeutung von Sprache. Ziel ist es, nicht nur eine Mobilitätswende zu fordern und herbeizuführen, sondern eine Gesellschaftswende.
Sprache sorgt zunächst für notwendige Vereinfachung. Mit Sprache kann leicht kommuniziert werden. Metaphern wie „Zeit ist Geld“ sind prägnant. Dann ist es klar, dass beim Vereinfachen willkürliche Entscheidungen getroffen werden. Die Sprache wirkt wie eine Linse, nicht wie ein Spiegel. Der Fokus wird auf einen Aspekt gelegt, der beim Sprechen als der Wichtige erscheint.
Mit neuer Sprache entstehen auch neue Realitäten. Als Beispiel nannte Marco den Urwald, der Ende des 18. Jahrhunderts durch einen Nutzwald abgelöst wurde. Die Forstwirtschaft benutzt hierzu ihr eigenes Vokabular, wie z. B. den „Normalbaum“. In ähnlicher Form wurde mit der beginnenden Serienproduktion von Autos in den 1920ern die Verkehrstechnik wichtig. Sie entstand ursprünglich durch Ingenieure, deren Hintergrund in der Abwassertechnik lag. So wurden Durchsatz, Schnelligkeit, Effizienz zu den bestimmenden Charakteristiken unseres Verkehrs, die Straßen und Verkehrsflächen wurden entsprechend optimiert. In gleichem Maß wurde die Gerechtigkeit in unseren Straßen verringert; zugunsten des motorisierten Verkehrs bekamen die anderen Verkehrsteilnehmenden weniger Raum, weniger Berücksichtigung.
Eine absolute Neuigkeit für VCD Debatten: Marco griff den Song „Imagine“ auf, mit eigenem Text sang er über die „Visionen“ des Radfahrens.
Die anschließende Debatte zeigte viel Zustimmung zur Idee, über neue Sprache auch Realität beeinflussen zu können. So könnte man am Ende der Nachrichten berichten, wie viele Unfalltote und Verletzte im Verkehr es in der vergangenen Woche gab. Statt die Staus auf den Straßen aufzuzählen. Ein Teilnehmer berichtete von Schwierigkeiten beim Einrichten von Pop-up-Radwegen während Corona. Obwohl als Demo angemeldet, wurde die Aktion von Anwohnenden und Presse niedergemacht. Marco schlug vor, in solchen Situationen den Fokus anders zu setzten: Würde die Aktion mit großem Nutzen für Kinder aufgezogen, statt Verkehr und Radler*innen zu nennen, wäre der Widerstand geringer.
Generell sollten wir alle, gerade wenn wir uns um eine gerechtere Verteilung der Straßen bemühen, genau überlegen, mit welchen Bildern und in welcher Sprache wir dies tun. So ist z. B. der Gehweg ja nicht nur für den Fußverkehr da, sondern auch für die radelnden kleineren Kinder. Sich eine genauere Wortwahl anzueignen erfordert viel Aufmerksamkeit.
Vielen Dank für den tollen Abend!
